Glanz und Schönheit

Beethovenhalle (Foto aus den 50er-Jahren, Stadtarchiv Bonn)

In Bonn wütet ein Streit: Die einen wollen ein Beethoven-”Festspielhaus” für dreistellige Millionenbeträge und die anderen sehen nicht ein, warum die existierende Beethovenhalle, ein zwar vernachlässigter, aber funktionierender Konzertsaal, ein zentraler Ort der jungen Bundesrepublik sowie ein herausragendes Gebäude der Zweiten Moderne (deshalb ein Denkmal), der Abrissbirne zum Opfer fallen soll – wie dies die Planer des pompösen Neubaus gleich mitgeplant haben. Nun liest Meisterdirigent Kurt Masur allen Nostalgikern die Leviten (Generalanzeiger 29.3.2010). Alle mal hergehört: Die Beethovenhalle war – wie die Bundeshaupt Bonn selbst – also ein peinliches Provisorium!

Erbaut 1959, war nämlich der nüchterne saal nicht der Ausdruck von Besinnung und Bescheidenheit, sondern – so Masur – von Anfang an eine “Notlösung”! Darin dümpelten die Unwissenden über 50 dumpfe Jahre hindurch künstlerisch vor sich hin.Dieses Ungemach, bisher völlig unbemerkt, hat der prominente Dirigent nun auch dem staunenden Laien klar gemacht. Mit dem niederschmetterndsten aller Argumente: Man könne, so sagt er, Beethovens “Neunte” ausgerechnet in Bonn guten Gewissens nicht aufführen. Welche Schmach. “Hören Sie diese trockene Akustik?”, hüstelt der Stardirigent. Man fragt sich ernsthaft: Müssen jetzt all die Aufnahmen, die hier je  gemacht wurden und die ungerechtfertigterweise in den Rundfunkarchiven lagern, vorsichtshalber gelöscht werden? Wie schrecklich muss etwa Maria Callas gelitten haben, hier zu singen? Tatsache ist allerdings, dass noch 2005 ein Gutachten im Auftrag der Stadt feststellte, die Akustik der Halle rangiere unter den besseren in Europa und könne für weniger als eine Million Euro auf Spitzenniveau gebracht werden. Ein krasses Fehlurteil? Eine bewusst lancierte Falschmeldung? Aber was besagt das schon gegen trockene Gehörgänge von Masur?

Der weiß auch den Grund des angeblichen Mangels:  zu wenig “Volumen”. Heute, erklärt der Weitgereiste, gebe es bessere Hallen “sogar in China”! Ogottogott. Also: Nicht kleckern, sondern klotzen. Ausdrücklich empfiehlt Masur – nun ganz Architekturexperte – die “außergewöhnlichen” Entwürfe für das neue Post-Telekom- “Festspielhaus”. Gemeint sind damit der sogenannte “Diamant” von Zaha Hadid und die “Welle” des Büros Hermann und Valentiny, die, von einer Jury ausgewählt, beide die ursprüngliche Halle einfach nicht vorsehen und deren zeichnerische Darstellung in ihrer Offenbarungsästhetik an Zeitschriften der Zeugen Jehovas erinnert. Offensichtlich mangelt es hier nicht an Volumen. Es sind gefönte Solitäre, die – Bilbao lässt grüßen – sich wenig um die Funktion noch um ihren räumlichen und zeitlichen Kontext kümmern. Das hat System: Weil Bonn weder Paris noch New York ist, soll ihm nun der fehlende Glamour verpasst werden. Zum Ruhme der Sponsoren. Masur nennt das “Vision”.

Ein Glasbeton-„Diamant“ leuchtet in der Nacht: Grafik des Entwurfs von Zaha Hadid

Zeitgeschichte? Stadtbild? Denkmalschutz? Unwichtig. Steht erst mal das “Festspielhaus”, dann gehen wir, da ist Masur sich ganz sicher, ohnehin herrlichen Zeiten entgegen. “Die Menschen in Bonn – jung und alt – werden ein Leben in Glanz und Schönheit bekommen”, schwärmt der Vorstandsvorsitzende des Vereins Beethovenhaus in Bonn, also sozusagen der Vertreter Ludwig van Beethovens auf Erden. Und der hat nun ein Machtwort gesprochen. Beethovenpalast statt Beethovenhalle. Basta. Derweil strickt der Stadtkämmerer schon an einer “Sportstättennutzungsgebühr”. Einsparungen an Schulen, Kindergärten, Schwimmbädern und freier Kultur stehen an. Alles Peanuts gegen “Glanz und Schönheit” ..   bp

 

 

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