Die richtige Altstadt

Bonner Glanzzeiten: Frisch gestrichenes Barockgeländer an der Rathaustreppe

INNENSTADT. Als Student in den Siebzigerjahren wohnte ich anfangs in der noch gar nicht schicken Südstadt und lernte bald die fußnahe Innenstadt lieben. Den Hofgarten, den Markt, die kleinen Geschäfte, die billige Kaufhalle, die alten Kneipen wie den  Stiefel oder den Bären. Nicht zu vergessen das Metropol-Kino, in dessen großem Saal alte UFA-Filme liefen.  Aber das beste von allem: eine Attraktion, die es sonst noch nirgends gab – die Straßencafés.

Preußens Gloria: Verstaubter Stein-Kaiser Wilhelm I. am Rande des nach ihm benannten Platzes

So viele Tische unter Stühle unter freiem Himmel, das war ein Novum. Man traf sich zum Freiluft-Kölsch am Milchhäuschen auf dem Münsterplatz, am Blumenmarkt in der Remigiusstraße und auf dem Marktplatz, damals die Loge der Flaneure. Man saß also vorm alten Rathaus, dessen Außentreppe die Politprominenz aus aller Welt reihenweise erklimmen musste. Was aber weniger beeindruckend schien als etwa die vielen Konzerte des „Bonner Sommers“, die nun hier ihr begeistertes Publikum fanden. Unter offenem Himmel mitten in der Stadt zu sitzen, das war etwas, was man sonst in Deutschland und auch im Rest Europas (zumindest nördlich der Alpen) mangels Gelegenheit noch kaum praktizierte. Bonns Fußgängerzone – schon damals fast die ganze  Innenstadt – und ihre frühe Open-Air-Cafészene war also tatsächlich eine Neuheit. Es war Vaseline für die Seele und das Stadtgefühl.

Was auch neu für mich war: Die große Zahl der Stadtstreicher, die man mit Namen kannte und die sich im Umkreis der Straßencafés mit kleinen Vorführungen ein paar Groschen verdienten. Man empfand sie als „Originale“. Zu dieser entspannten Stimmung der Mitt-Siebziger, wenn sie vielleicht auch nur Illusion war, passte auch der „Kussmund“, eines der ersten Stadtsignets mit hohem Bekanntheitsgrad (auch als Aufkleber für die Kofferhaube). Bonn war ein bisschen sexy und hatte eine Kultur der Fleneure. Die verlagerten ihren Standort irgendwann zum Kaiserplatz, über dem, man kann es kaum glauben, zeitweise ein Hauch von Boheme lag.

„Geh doch in die Zone“: Entree für das Bonner Flanierpflaster

Heute sind Straßencafés in der Innenstadt nahezu flächendeckend vertreten, aber niemand empfindet das als aufregend. Dabei ist so ein Platz unter den Wolken wie eh und je ein wunderbarer Ausgangspunkt für meandrierende Gedanken (jedenfalls wenn die mal gerade nicht online sind). Denn Bonns Innenstadt ist ein spannendes Buch, wenn man darin zu lesen versteht. Gerade weil Zäsuren geradezu ihr Charakteristikum sind. Was allerdings nie ins Stadtbewusstsein gesickert ist und hinter dem Pastell der Stuckfassaden verschwindet. Über Bonn ist die Geschichte immer wieder unsanft, aber letztlich gnädig hinweggefegt. In schlechten Zeiten wurde die Stadt, die ja lange nicht mehr als die Innenstadt war, mehrmals zerstört, in guten  Zeiten ziemlich rücksichtslos überbaut, sei es in der Zeit der Kurfürsten, der steinreichen Rheinromantiker  oder der Bundesregierung. Jedesmal bekam Bonn ein neues Gesicht. So verschwand das alte Bonn. Dass man zum Stadtkern – wo das ursprüngliche Bonn lag –  nicht „Altstadt“ sagt (im übrigen ein nostalgischer Ausdruck, der ja selbst noch ziemlich jung ist), macht also durchaus Sinn. Aber so war dieser Ausdruck frei für Sprachpiraten.

Unregelmäßiger Stadtplan mit wildem Stilgemisch: die Sternstraße

Übrig vom wirklich „alten“ Bonn sind – zumindest oberirdisch – die bekannten, nicht sehr zahlreichen „Sehenswürdigkeiten“: das Münster und ein paar weitere Kirchen sowie die Barockbauten, also das Rathaus, die beiden Schlösser.Von allem, was davor war, blieb im Wesentlichen nur der unorthodoxe Stadtplan mit seinen zahlreichen dreieckigen Plätzen. Exemplarisch dafür ist die Sternstraße, die trichterförmig in den Marktplatz übergeht und bei der nicht mal eine einheitliche Traufhöhe eingehalten wurde – und das in Preußen! Zu ihrem bunten Stilmix gehören auch noch einige kleine Fachwerkhäuser, die sich allerdings hinter frisch getünchtem Putz und den Schaufenstern von Klamotten- und Handyläden verbergen.

Falsche Zinnen: Bauten aus der Kaiserzeit überragen das Ersatz-Sterntor

Was man andernorts „Altstadt“ nennt, ist in Bonns vorletzter „goldenen Epoche“, der Kaiserzeit, weitgehend verschwunden. Damals kam es zu rigorosen Straßendurchbrüchen (wie etwa die Poststraße oder dem heutigen Bertha-von-Suttner-Platz) und das alte Straßenbild verschwand ebenso wie das dazugehörige Stadtbewusstsein. Aber selbst in Bonn, damals die, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, reichste Stadt Preußens, war das keineswegs konfliktfrei. Als etwa das neue Sternhotel am Marktplatz Ende des 19.Jahrhnderts sogar das Rathaus überragte, erregte diese Hybris durchaus die Gemüter. Als der 1. Weltkrieg begann, war Schluss mit der Bauwut.

Keine Altstadt: Bonn ist nicht Dinkelsbühl

Dann kam die nächste Zäsur, die Bombardierungen in Weltkrieg zwei. Als die Bauexzesse, die danach einsetzten und die als die „zweite Zerstörung“ bezeichnet werden, alles Vorherige noch einmal in den Schatten stellten, und ganze Karrees aus der Kaiserzeit, wie etwa das Bahnhofsviertel, der Spitzhacke und der Spekulation zum Opfer fielen, wurden weite Teile der Bevölkerung vom Gefühl der Ohnmacht beschlichen, ein Gemütszustand des gottseidank nicht immer stillen Leidens, der bis heute anhält. Man denke nur an das endlose Drama um die sogenannte „Südüberbauung“ vor dem Bahnhof. Hier liegt wohl auch ein Grund für die nostalgische Überhöhung der historistischen Stuckästhetik, in der die Sehnsucht nach urbaner Harmonie ihre zweifelhafte Projektionsfläche findet. Man könnte auch sagen: die Dauerkrise im Stadtbewusstsein, das ist das bonnweh.             bp                      wird fortgesetzt / Fotos Bernd Polster

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