100-jähriger Humus

Versuchsfeld zu Bauland: das Poppelsdorfer Universitätsviertel wird arrondiert

UNIVERSITÄT. Seit Anfang des Jahres fahre ich mit dem Fahrrad von Kessenich über Poppelsdorf nach Endenich ins Büro. Dabei komme ich an den landwirtschaftlichen Versuchsfeldern vorbei, die nun seit kurzem von Baggern umgepflügt werden. Hier entsteht das, was nun seitens Universität und Stadt als „Campus Poppelsdorf“ bezeichnet wird. Ist dies der erste Campus, bei dem Felder nicht angelegt werden, sondern verschwinden?

Der Campus des Kurfürsten: das Poppelsdorfer Schloss

Der Begriff Campus kommt ja nun mal aus dem Lateinischen und heißt Feld. Und das wird in Poppelsdorf gerade bebaut. Auch der 100-jährige Humus, ein Langzeitversuch des Instituts für Pflanzenbau, wird abgetragen. Allerdings meint so mancher, es sei zuletzt ohnehin vor allem der Versuch gewesen, den Verlust des freien Feldes zu verhindern. Denn die Meinungen über das Großprojekt gehen auch innerhalb der Hochschule weit auseinander. Der Rektor ist natürlich mächtig stolz auf die größte Erweiterung seiner Alma Mater seit deren Gründung. Und der Bürgermeister freut sich selbstverständlich mit. Der Hochschulstandort Bonn erfährt eine Aufwertung und im Stadtteil wird es brummen, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Die Verkehrsprobleme sind absehbar und ungelöst. Deshalb gibt es in Poppelsdorf keineswegs nur Jubel. Es ist schließlich auch der größte Eingriff in das Viertel, seit Joseph Clemens seinen kurfürstlichen Campus hierher vor die Tore der Stadt verlegte: Das Poppelsdorfer Schloss, das ja bekanntlich von einem wunderschönen Garten umgeben ist (der sogar der Wissenschaft dient).

Mitarbeiterwohnungen der Keramikfabrik Wessel, später Institut für Agrarsoziologie

Nun wird also losgebaggert. 15 Jahre lang, so sagt man, auf über zwölf Hektar. Der sogenannte Campus wird dann größer sein als Poppelsdorf. Über 2000 Lernende und Lehrende werden hier beschäftigt sein. Das macht ungefähr ein Viertel der Einwohnerzahl von Poppelsdorf. Die Uni ist längst ein Großbetrieb wie früher die Keramikwerke Wessel, die genau hier standen und in den Siebzigerjahren der Abrissbirne geopfert wurden (das vernehmliche Murren, das damals erscholl, habe ich noch gut im Ohr). Die letzten Überreste der Wessel-Werke werden übrigens jetzt auch abgerissen und die Erinnerung gleich mit.

Aus Land wird Stadt: Kanalisationsrohre

Was mich immer sehr gewundert hat, war das fehlende Selbstbewusstsein der Stadt, die über Jahrzehnte hinweg ihr Poppelsdorfer Universitätsviertel nie wahrgenommen, nie benannt und auch nicht wirklich gepflegt hat. Die Gegend um Nussallee und Katzenburgweg, wo wahrlich nicht alle Gebäude Meisterwerke sind, sich aber allein durch das Nebeneinander unterschiedlichster Gebäudetypen und -stile ein interessantes Ensemble gebildet hat, war urbanes Niemandsland. Selbst die Tatsache, dass das Schloss ein Hochschulinstitut beherbergt – und zwar eines der schönsten überhaupt -, behielt man für sich. Fast scheint es, als sei diese Zeit des chronisch unterentwickelten Stadtbewusstseins nun beendet. Da wird einer dieser cleveren und deshalb meist nicht ganz billigen Marketingexperten der Stadt mal kräftig die Leviten gelesen haben. Die bekennt sich nämlich nun zu ihrer Universität und mit der Anonymität des Universitätsviertels ist es vorbei. Auch der passende Begriff aus den Wunderkammern des Marketings ist gefunden. Das heißt ab sofort: „Campus Poppelsdorf“. Nun dachte ich aber eigentlich immer, ein Campus liegt vor der Stadt und ist in üppiges Grün gebettet. Zumindest letzteres war ja bislang gegeben. Nun trifft beides nicht mehr zu. Warum also „Campus“? Ist „Universitätsviertel“ vielleicht marketingtechnisch out?

"Campus Poppelsdorf": Ein Straßennetz entsteht

Sich von der architektonischen und städtebaulichen Qualität des nun entstehenden Hochschulkomplexes ein Bild zu machen, ist schwierig. Sind heutige Architekten doch virtuose Künstler darin, uns ihre künftigen Werke mit elektronisch erstellten Bildchen im vorhinein schmackhaft zu machen. Hinterher sieht es dann meistens ein klein wenig anders aus. Blenden mit Bildern und Worten will eben gelernt sein.

Limes auf dem Campus: Die neue Diktion deutscher Wissenschaften

Die jüngsten Erfahrungen mit der visionären Energie universitärer Bauprojekte im besonderen und Bonner Bauprojekte im allgemeinen waren, finde ich, nun auch nicht gerade vertrauenserweckend. Und wenn ich mir das zukünftige Straßennetz, den sogenannten „Masterplan“, so anschaue, fällt mir doch auf, dass, was einen Campus ausmacht – nämlich das üppige Grün –  auffallend fehlt. Ich nehme also an, diese unlogische Bezeichnung ist der bekannten, geradezu unbändigen und scheinbar noch ständig zunehmenden Leidenschaft deutscher Wissenschaftler für den Anglizismus – respektive Amerikanismus – geschuldet. Wie deutsche Forschungsinstitute heute bezeichnet werden, kann ja auch in Poppelsdorf direkt vor Ort besichtigt werden. Ohne Englisch und ohne Akronym geht da nämlich gar nichts. Und so kommt dann eben der beziehungsweise das „Limes“ – Life & Medical Science Insitute – auf den Campus. Das kann man sich merken und das hört sich doch locker und lustig an, oder?  An diesem akronymischen Wortspiel hat bestimmt wieder einer dieser schon erwähnten Marketingfachleute mitgepuzzlet. War das vielleicht sogar derselbe, dem auch der „Campus“ eingefallen ist?

Hochschulerweiterung durch Umnutzung: In die Landwirtschaftskammer zogen Mathematiker ein

Dieser „Campus Poppelsdorf“  ist die Erweiterung eines über zwei Jahrhunderte gewachsenen, innerstädtischen Universitätsviertels. Also das Gegenteil davon, was man sich unter einem Campus vorstellt. Wenn ich auf den Plan des erweirten Uni-Viertels gucke und mir das „Limes“ anschaue, herrscht hier der Baublock. Also ganz im Gegensatz zu einer in die Landschaft eingefügten Architektur, wie sie eben für den historischen Campus in Amerika typisch ist. Nun ja, der Begriff wird eben heute inflationär verwendet, auch und gerade in Bonn. Ein Scharlatan, wer hinter der Namensgebung Absicht vermutet. Warum wird denn nun aus einem Universitätsviertel ein Campus? Und ist das letztlich piepegal? Nur Wortklauberei? Oder soll unser Stadtbewußtsein vielleicht ein bisschen manupuliert werden, wie man zu meinen Studentenzeiten gesagt hätte? Ich fahre ja – fast – jeden Tag mit dem Fahrrad daran vorbei und werde aufpassen, was dort im Busche ist.                            bp

3 Kommentare zu “100-jähriger Humus”


  • Einen besonderen Kollateralschaden gilt es noch zu beklagen: Meine Laufstrecke führte durch die Felder, und ich habe es immer sehr genossen, den Verlauf der Jahreszeiten am Stand der Feldfrüchte abzulesen. Jetzt kann ich mir 15 Jahre lang den Stand der Bauarbeiten anschauen, und bei den herrschenden Verhältnissen hierzustadt werden wohl eher 20 Jahre daraus. Aber immerhin kann ich dabei mit Joni Mitchell singen: »They paved paradise, put up a parking lot.«

  • .. Genau, so eine Freifläche in der Stadt ist eben ein Wert. Gestern waren auch Eltern da, die ihren Kinderwagen rumschoben. Und dann war da noch ein älterer Herr, der in einem der Institute gearbeitet hatte, vieles wusste und etwas resigniert meine: „Die Fläche war auf Dauer nicht zu retten!“ Aber die Parkplätze werden bestimmt auch wunderschön!

  • Ich finde das auch blöd: man macht sich Mühe das das Feld schön wird und dann baut man Sachen hin, die es schon ganz oft gibt. Ich würde es frei lassen. Viele Leute spielen ja auch mit ihren Hunden dort. Und die Kinder auch .. Emily

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