Rettet die Südüberbauung!

Südüberbauung im Abendlicht: das trashigste Stadt-Entrée weit und breit

BAHNHOF. „Maximilian Center“ statt „Südüberbauung“. Der neue Name klingt sympathischer. Und gaukelt so etwas vor, was gar nicht gegeben ist. Der alte Name, der schon von weitem nach Spekulant und Spießer riecht, war entschieden ehrlicher. Deshalb sollte er bleiben! Trotz Namensdesign wollen etliche Bürger übrigens nicht einsehen, warum der öde Klotz vor dem Bahnhof, der sich seit bald vier Dekaden dort breit macht und leise vor sich hin rottet, nun unbedingt durch einen anderen, noch weit größeren Klotz ersetzt werden soll – der wiederum nicht hierher passt.

Spröde Location: der trostlose Innenhof wird jetzt schon gern von Teenagern genutzt

Jeder weiß, worum es geht: Bauvolumen soll optimal genutzt werden. Derweil wird mit den Bonnern ein bisschen Katz und Maus gespielt. Doch was der Investor Roger Sevenheck will, sagt er selbst: „Re-Urbanisierung“. Das heißt, mit Megamärkten, die früher auf die „grüne Wiese“ zogen, nun auch die Innenstadt zu beglücken. Mit diesen Prioritäten  liegt er angeblich voll im Trend. Auf Grundlage dieser „Ideale“ sollen nun Fakten geschaffen werden: in Gestalt der Media-Saturn GmbH, größte Elektronikette Europas und bekannt für ihre ethischen Grundsätze („Geiz ist geil“). Man erinnert sich und glaubt es kaum: Erst vor wenigen Jahren war die Stadt schon einmal mit einer ähnlich banalen, rein kommerziellen Planung am Bürgerunmut gescheitert ist. Die Idee, einen offenen Platz zu schaffen, die damals in einer „Bürgerwerkstatt“ entwickelt wurde, die in einen Architekturwettbewerb eingingen und für die sich seitdem ein Verein stark macht, fällt dagegen unter den kommunalen Tisch. Was bleibt, ist ein geistiges „Bonner Loch“ von erschreckenden Ausmaßen. Dass es nun erneut ein „Bürgerbegehren“ geben wird, ist folgerichtig, aber nur eine schwache Hoffnung. Was fehlt, sind mutige Visionen, die der Einfalt von Raffke & Co. entgegengesetzt werden.

Blondinen bevorzugt: Konsumflüchtlinge in spe (Bildgestaltung "German Development Group")

Die Stadt propagiert das vorgeblich kleinere Übel: Bau- dezernent Werner Wingenfeld profiliert sich als Experte fürs „Krötenschlucken“. Er empfielt, sich doch über das Verschwinden der Pest (Südüberbauung) zu freuen und dafür bitteschön die Cholera (Maximilian Center) in Kauf zu nehmen. Dass dies nicht auf Begeisterung stößt, allein epidemiologisch betrachtet, ist nachvollziehbar. Und das obwohl Sevenheck und seine „German Development Group“ (auch eine hübsche Wortarchitektur) keine Mühen gescheut haben, wirklich allerliebste Computer-Bildchen von dem ersehnten Großgebäude erstellen zu lassen. Vielleicht sollte dem gewievten Herrn aber auch mal einer sagen, dass es in der Grafik-Software noch andere Figuren gibt außer jungen blonden Frauen, die seine Zukunftsträume in signifikanter Überzahl bevölkern.

Lebendige Budenkultur: Rettet das Milieu!

Eine derartige Blondinendichte ist heutzutage in der  Bahnhofsumgebung zwar eher selten, trotzdem handelt es sich zweifelsohne um ein lebendiges Milieu. Dessen Stärken muss man nur erkennen. Ich bin ganz entschieden dafür, die Südüberbauung als epochale Errungenschaft bönnscher Jecken stehen zu lassen, den Namen als (Un-)Wort des Jahres zu nominieren und das Gebäude vorsorglich unter Denkmalschutz zu stellen. Das wäre der Befreiungsschlag schlechthin. Dann wird das profane Monument zum Punk-Museum umfunktioniert, das ab sofort unter der Bezeichnung World Punk Center Bonn (WCPB) international vermarktet werden kann und so als weiteres Standbein der lokalen Tourismusindustrie dient. Eine zeitgemäße Punk-Romantik stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar und würde überdies zur historischen Rhein-Romantik passen. Es wäre zudem eine auf ein junges  Publikum abgestellte Alternative zur total angestaubten Beethoven-Masche. Eine Bürgerinitiative aus verdienten Blabla-Dauergästen und Veteranen der Graurheindorfer Rheinterassen soll bereits fieberhaft an einem multimedialen Konzept arbeiten. Gute Musik ist ja sowieso kein Problem. Die Toten Hosen sollen schon für ein Dead-Kennedys-Gedenkkonzert zugesagt haben.

Punk-Romantik: architektonisches Detail im Ceaucesco-Stil (ehemaliges Café), Stand 2012

Schließlich ist der Punk ein Phänomen der 70er-Jahre und war in Bonn gut verankert. Das weltweit einmalige Projekt, für das sich sicher Landes-  (kulturelles Erbe) wie Bundesmittel (Entwicklungs- hilfe) beschaffen ließen, wäre hier einfach ideal untergebracht. Im übrigen ähnelt das Gebäude mit seiner metallisch schimmernden, zunehmend verwitterten Ummantelung anderen Hassobjekten aus derselben Ära, wie etwa dem Stadthaus und dem ehemaligen Kanzleramt (heute Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Investitionen würden auf ein Minimum reduziert. Je abgewrackter, desto besser! Ich würde mich als Kurator zur Verfügung stellen. Eine Nicolai-Ceaucesco-Gedenkstätte käme allerdings auch noch in Frage. Der soll ja in einem ähnlich trostlosen Innenhof umgekommen sein. Nach der geglückten Rehabilitation des Schlichtstils der 50er-Jahre ist die Vergangenheitsbewältigung nämlich noch längst nicht zuende. Ab jetzt werfen wir uns auch für den schrägen Pop- und Punk-Trash der 70er-Jahre in die Bresche: Wie sonst könnten kommende Generationen besser begreifen, wie Stadtentwicklung funktioniert – zumal in Bonn.             bp

Fotos BerndPolster

 

3 Kommentare zu “Rettet die Südüberbauung!”


  • Trotzker Neumann

    Köstlicher Beitrag,

    für einen idealistischen Romantiker (wie mich) bleibt dann aber
    nichts als Kleinholz und ein grüner Park mit Kleinholz-Gewächs wäre
    aber doch auch nicht die ideale Alternative.

    Gruß Trotzker

  • ich finde dass man spielplätze bauen könnte. EMILY

  • Der Artikel ist grandios. Was als recht typisch, zynisches Geplänkel über dieses Thema losgeht endet in einem sarkastischen Hochgenuss. Den „Idee“ den Punk wieder nach Bonn zu bringen finde ich sehr gut und ich kann es mir nur zu gut vorstellen, wurde es doch jahrelang so getrieben und eben diese wieder vertrieben. Die Gesichter der Bürger wären unbezahlbar sollten die Punks wieder Einzug halten. Meine Stimme als Kurator bekommst du ganz sicher 🙂 Gruß

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