Kreise und Gewerke

Monumente des Autoverkehrs am Rande der Kunst. Demolierte Planke an der Friedrich-Ebert-Allee

Samstagmorgen beim Frühstück wurde ich durch den Generalanzeiger über „eines der größten Verkehrsprojekte der Stadt“ unterrichtet. Nur vier kurze Absätze, die es in sich haben. Ich hätte mich fast am Sesambrötchen verschluckt. Und worum geht es? Wird ein schöner Bahnhofsvorplatz angelegt oder kommt vielleicht endlich die Reuterstraße in den Tunnel? Wird etwas gegen die Geißel des Bahnlärms getan oder Bonn gar zu einer fußgänger- und fahradfahrerfreundlichen Stadt umgebaut? Nein, weit gefehlt. Es geht um einen neuen Kreisverkehr, und zwar wohl einen der teuersten der Welt. Er liegt an der B9, da wo sie Friedrich-Ebert-Allee heißt und südlich an der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (dem Museum mit dem vielleicht längsten Namen der Welt) die Franz-Josef-Strauß-Alle kreuzt. Die führt übrigens direkt zum steinwurfnahen „Post Tower“, dem Sitz der „Deutschen Post AG“. Und die ist das größte Logistik- und Postunternehmen der Welt.

Ein Strip oder ein grafisches Meisterwerk? Die Kreisverkehrstrategen sind völlig unterschätzt

Wir wären nicht in Bonn, würde man das Großprojekt nicht noch flugs mit einer  jecken, kecken karnevalistischen Schnurre verbinden. Für diesen seltenen Humor, hab ich mir sagen lassen, soll Bonn ja inzwischen sogar weltberühmt sein. Diesmal war es eine terminliche Fehlplanung. Also, mit den Bauarbeiten wurde natürlich genau am Tag von Rhein in Flammen begonnen. Absperrung Marsch! Augen zu und kein Durchkommen mehr. Die dadurch quasi automatisch erzeugten Wutwellen nimmt, was  so ein richtiger Kreisverkehrstratege ist, einfach heroisch (oder stoisch) in Kauf. Außerdem werden sie noch vom gewievten Personal der Pressestelle der Stadt Bonn nachträglich geglättet. Methode eins: Doof stellen. „Irgendwann müssen wir ja anfangen.“ Methode zwei: Die anderen für doof erklären, die die komplizierte Materie einfach nicht kapieren. „Das ist eine sehr komplexe Baustelle, wo ein Gewerk ins andere greift.“ Aha, wenn das so ist, denke ich mir da als von solch komplexem Denken und Handeln völlig überforderter Otto Normalleser.

Franz-Josef-Strauß-Alllee. Was hätte der wohl zum Kreisel gesagt?

Aber nun zu den entscheidenen Fragen: Was kostet es und was bringt es? Nach Angaben des GA wird für das automobilistische Bauwerk ein Gesamtbetrag von knapp 20 Millionen Euro anfallen. Darin enthalten sind 13,9 Millionen für einen Straßenbahntunnel, der schon vorher extra angelegt wurde. Der ist stolze 140 Meter lang. Dassind also schlappe 100.000 Euro pro Meter, mithin 1000 Euro pro Zentimeter. Mit Kosten für dieses Beton- und Aspaltmonument, auf dessen Begrünungsarchitektur ich mich schon besonders freue, könnte man übrigens weit über hundert Jahre lang den jährlichen Jugendsportzuschuss der Stadt Bonn finanzieren. Und könnte sogar die Oper stehen lassen. Aber das ist alles Split von gestern. Das Ding wird gebaut. Die Vorteile liegen ja auch auf der Hand: „Aus Dottendorf kommend, kann man über den Kreisverkehr nach links Richtung City fahren. Heute kann man nur über die Rheinstraße Richtung City abbiegen. Von Godesberg kommend, wird es eine Linksabbiegemöglichkeit zur Bundeskunsthalle geben, aus Richtung Südbrücke kommend einen eigenen Rechtsabbieger.“

B9-Romantik. Alles vergeht

Ein Schelm, wer vermuten würde, dass es sich hier um eine öffentlich finanzierte repräsentative Zufahrt für die Deutsche Post AG handeln könnte: mit allem Drum und Dran samt alleeartiger Begrünung, also so eine Art neuzeitliche Schlosszufahrt. Die „Gewerke“ sollen ja laut ungewöhnlich gut informierten Kreisen just an dieser Stelle sehr „komplex“ ineinander greifen.

Und dann noch die total überflüssige Schlussbemerkung eines notorischen Sprachfetischisten: In Bonn (und höchstens noch in Köln), wo man den Kreisverkehr praktisch erfunden hat (und zwar 1932, als man die beiden Enden der ersten Autobahn der Welt weitsichtig mit einem solchen versah), also in Bonn sagt man seither „Verteilerkreis“.  Nicht „Kreisverkehr“, auch nicht „Kreisel“, nein „Verteilerkreis“ heißt es bitteschön. Das ist ein anschauliches und urdeutsches, wahrscheinlich in einer vermufften Amtsstube der 20er-Jahre gezeugtes Kompositum, das einfach einmalig ist in der Welt. Ich bin für die Gründung einer Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt dieser akut bedrohten Sprachspezies einsetzt und die Bennennung des neuen Prachtexemplars in diesem Sinne fordert. Wie wäre es mit: „Verteilerkreis des Geldes“?                                         bp

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