(m)ein Hof

Hinterhof der Geschichte

Seit einem halben Jahr habe ich mein Büro in Endenich. Ein merkwürdiger Stadtteil, einerseits lebendig und kulturell (Harmonie, Springmaus etc), andererseits dörflich und traditionell. Der Hof, in dem mein Büro ist, da soll Knauber, Bonns Edelbaumarkt, angefangen haben. Sagt meine Nachbarin. Kaum zu glauben. Aber ich glaube es. Das ist ein typischer Bonner Vorstadthof des frühen letzten Jahrhunderts: Vorder-, Mittel-, Hinterhaus so nach und nach aneinandergestückelt.

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Frischer Aufstrich: Birgit Kieffers Hofküche

Die Firma Knauber erinnert sich nicht mehr an diesen alten, ja historischen Hof (keine Plakette), in dem sie anfing (mit einem Kolonialwarenladen) und in dem nun andere Dinge passieren: die Küche für eine „Nudelei“ (wo früher der Laden war) und dann noch die „Delikatessen-Manufaktur Birgit Kieffer“, ein Forschungslabor für leckeren Brotaufstrich und andere Alternativen zum üblichen Instantessen. Es passiert also was  in diesem Hof, den man von der Straße nicht sieht. Der Verfall ist unübersehbar. Die Risse im Gemäuer, das Kabelgestrüpp, fast so chaotisch wie in New York (wo wir das natürlich toll finden würden). Hier reagiert mancher Besucher darauf mit unübersehhbar-unsichtbarem Naserümpfen. Obwohl die meisten den kleinen Schrottplatz ganz hinten (wo dahinter noch ein Garten ist!) gar nicht zu Gesicht bekommen. Nur ein Freund aus St. Petersburg war begeistert, als er mich das erste mal besuchte: Er war ganz angetan von diesem morbiden Charme des Bonner Vorstadtlebens mit Vorder-, Mittel- und Hinterhaus. Fremde Augen sehen eben mehr.

Fenster zum Hof

Wenn ich am Arbeiten bin (um das mal rheinisch auszudrücken) schallen Töne aus dem Hof zu mir herauf. Polyphones Küchengeklapper, unzensierte Alltagsunterhaltungen, auch schon mal ein Bohrer. Dieser Hof lebt. Es gibt sogar Katzen. Dann lebe ich auch. Vorder-, Mittel- und Hinterhaus. Das hat etwas von einer anderen, fernen Epoche, in der man vieles nicht hatte, aber mehr Muße. Die kann ich spüren. Ich brüh mir erstmal einen Kaffee auf.

Raum für Muße.

Ich finde Muße in meinem etwas morbiden Büro.      bp

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