Roll over Beethoven

Ist denn nicht eigentlich schon alles gesagt, was dieses visionierte Bonner Beethoven-Festspielhaus (B.B.F.H.) angeht, das es ja wohl sowieso nie geben wird? Irgendwie schon. Dass es keine seriöse Finanzierung, keinen Plan und keinen Bauherren gibt, naja, geschenkt. Aber hat eigentlich schon mal jemand gewürdigt, welch ein grandioses Schaupiel um dieses irre Pseudoprojekt bislang bereits öffentlich aufgeführt wurde – und immer noch wird? Das ist doch ganz großes Theater! Da geht es um Leidenschaften und um Gier nach Millionen. Da folgt Akt auf Akt. Offenbar ein Endlosstück (wahrscheilich mit jähem Ende). Und ein Gag jagt da den anderen. Echt unterhaltsam. Man fragt sich, was da noch kommen soll und erinnert sich, was da schon alles geboten wurde.

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Wer will denn sowas Großartiges nicht haben? Und auch noch geschenkt, jedenfalls fast geschenkt ..

Auf dem Weg zum Bonner Hügel

Zuerst wurden mit dem Geld des Großkonzerns Deutsche Post, der man übrigens richtig dankbar ist, zwei weltbekannte Großarchitekten gekürt, die so umwerfende Entwürfe lieferten, dass seitdem keiner mehr nach ihrem Sinn und Zweck fragte. Dafür hatte man die üblichen Digitalbilder, die man überall herumzeigt (siehe oben), und  sich zusätzlich auch noch tolle Namen ausgedacht: „die Welle“, „der Diamant“. Klingt gut. Das hieß früher Propaganda, heute Marketing. Es waren nun aber, hoppla, gerade die Entwürfe, die den Abriss der Beethovenhalle zur Folge gehabt hätten und damit genau gegen eine zentrale Vorgabe des Wettbewerbs verstießen.

Blöd gelaufen? Nein, das war volle Absicht. Und um dem ja gewöhnlich dummen Publikum klar zu machen, dass dieses kleine absichtliche Versehen eigentlich ein großer Vorteil sei, wurde die historische Beethovenhalle erstmal ordentlich madig gemacht, unter aktiver verbaler Beteiligung des Großdirigenten Kurt Masur. Die Stadt ließ das Gebäude derweil verrotten (worin das Gebäudemanagement einige Kompetenz vorweisen kann). Hat trotzdem nicht geklappt. Es gab da noch eine andere Initiative. Komisch, dachten sich die wahren Beethovenfreunde, die inzwischen einen Verein gegründet hatten. Aber macht nichts. Dann stellen wir das Ding eben in die Rheinaue. Da gibt es sogar Hügel (genau wie in Bayreuth).

Beethoven, ein wahres Schätzchen

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Ziemlich abgefahrene Ludwig-Kampagne

Obwohl die Bundesregierung immer noch ein paar dutzend Steuermillionen für den Bonner Beethovenpalast bereit hält (Kulturstaatsminister Bernd Neumann erinnerte neulich wieder mal daran), hatte Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch in einem abnormen Anfall von Realitätswahrnehmung das Projekt auf den Sanktnimmerleinstag verschoben. Worauf die Telekomm nicht mehr Sponsor sein wollte und die wahren Beethovenfreunde schmollten..

Also eins muss man ihnen aber lassen. Die wahren Beethovenfreunde sind von gar nichts zu entmutigen.  Da ist zum Beispiel Frau Ilona Schmiel, Noch-Intendantin des Beethovenfestes (dessen Länge sie auf vier Wochen verdoppelte!). Die hält gerne Vorträge über „Beethoven als Standortfaktor“. Wenn Ludwig das gewusst hätte. Auch sehr gewievt ist Herr Wolfgang Grießl, Handelskammerpräsident und Erfinder der Initiative „5000 für Beethoven“ oder „5000 mal 5000“ oder so ähnlich.  Soll heißen: Jeder, der gerade mal 5000 Euro irgendwo rumliegen hat, gibt sie den wahren Beethovenfreunden. Und das machen dann, auch weil es sich gut anhört, am besten 5000 Leute. Superidee. Läuft aber noch etwas schleppend.

Doch da gibt es ja noch Monika Wulf-Mathies, eine ehemalige Gewerkschaftsführerin, also eine, die sich mit Volkstümlichkeit auskennt. Diese wahre Beethovenfreundin soll die Idee gehabt haben, doch mal die Zielgruppe zu erweitern. Da ist die Kampagne „Jetzt Schätzchen“ dabei herausgekommen. Und obwohl das beinah alle Jugendlichen richtig geil gefunden haben sollen (und sich sofort auch einen Beethoven toasten wollten), verschwand dieses Meistwerwerk der Kommunikationskunst komischerweise in der Versenkung. Aber da hatten die wahren Beethovenfreunde natürlich schon längst wieder was Neues ausbaldowert.

Alles eine Frage der Kultur

Lässt man den ganzen finanziellen Sumpf, in dem Stadt Bonn knietief watet, einfach mal bei Seite, dann geht es doch vor allem um eins: um Kultur. Und das ist eine Sonderform des Joggens, weiß jedenfalls Timotheus Höttges, der neue  starke Mann bei der Telekomm und schon in dieser Eigenschaft ein wahrer Beethovenfreund (und nun übrigens auch Aufsichtsrat der Bayern München AG). Es geht also um Kultur, „Baukultur“ zum Beispiel. Wer braucht eigentlich diese moderne Reichsparteitags- architektur am Rhein? Naja, zur Villa Drachenburg gegenüber, die ja zu ihrer Zeit Ende des 19. Jahrhunderts auch total protzig wirkte, aber damals trotz heftigen Widerstands nicht verhindert werden konnte, würde der wilde Möchtegern-Stil schon irgendwie passen.

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Vorbild? Protzarchitektur Villa Drachenburg

Wenn das Stichwort Kultur fällt – und das ist nicht selten -, dann verweist manch wahrer Beethovenfreund übrigens gern auf Salzburg, diese doch ziemlich kleine Stadt am Rande der Alpen, ist der Inbegriff der Festspielkultur. Also Mozart, der ganze Rummel und die Milliönchen, die das Jahr für Jahr einspielt. „Mozart als Standortfaktor“? Die Rede wurde dort jedoch nie gehalten. Erfolgsgarant waren wohl eher die Leute und deren Vision: Max Reinhard, Hugo von Hoffmannsthal, Richard Strauss. Die und ein paar andere haben sich nämlich die Salzburger Festspiele vor gut 100 Jahren ausgedacht. Irgendetwas muss das mit Kunst zu tun gehabt haben. Mozartkugeln kamen erst später. Man brauchte noch nicht einmal eine neue Festspielhalle, bis heute. Hoffmanthals „Jedermann“ wurde einfach draußen aufgeführt, auf dem Platz vor dem Salzburger Dom. Das ist ja weltberühmt ..   bp

 

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