Der Vogel singt

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Morgens an der Reuterstraße: eine hässliche urbane Bausünde, die aber keine Kunst ist

In seiner Samstagsausgabe vom 14. Dezember hat sich der Bonner Generalanzeiger wieder mal dem Dauerthema Bahnhofsvorplatz gewidmet (kostet online 2,38 Euro): Stichwort „Südüberbauung“, zu dem auf dieser Website schon längst eine sinnvolle Lösung erdacht wurde. Dazu hat sich der GA-Autor auch in die aktuelle Literatur vertieft, insbesondere dem Buch Die Kunst der Bausünde von Turit Fröbe eine Rezension gewidmet.  Dessen manirierter Titel und schräge Thesen treffen offenbar den Zeitgeist.

An der grundsätzlichen Frage geht der Beitrag, der den Blick weitgehend auf  Einzelgebäude und deren Ästhetik verengt, aber völlig vorbei: Wieso ist eine Stadt nicht in der Lage, einen ihrer zentralen Platze erträglich – also urban – zu gestalten? Welche Gründe (und Kräfte) sind es, die das verhindern? Ich vermute, dahinter steckt jene bekannte Mischung aus handfesten Interessen, Kommerzialisierung und Banausentum. Da ist dann leider allzu häufig auch die kriminelle Energie nicht weit. Was ist eigentlich aus dem Haftbefehl gegen den „Investor“ der „Südüberbauung“, Herrn Roger Sevenheck, geworden? Das ist der, der immer so schön in die Kamera lächelt. Gefährlich! Genau wie Herr Man Ki-Kim, der „Investor“ des WC-Centers (bevor er verhaftet wurde). Wer erkennen will, was in Bonn so vor sich geht, wer den Charakter dieser Stadt erkennen will, sollte sich die „Südüberbauung“ einmal genau anschauen. Aber wer tut das schon (siehe oben)? Oder auch den neuen Kreisverkehr, der im GA ständig bejubelt wird (obwohl er ja gar keiner ist).

Mit einzelnen Bausünden hat das wenig zu tun. Das ist eine Charakterfrage. Dafür gibt es in Bonn, das ja über zahlreiche charaktervolle Innenstadtplätze verfügt, reichlich Beispiele. Oder hat die Bausünde Kaufhof, diese missratene postmoderne Anbiederung an das Kaiserreich, uns etwa den Münsterplatz vergrault. Nein, natürlich nicht. Der Grund ist einfach und der Volksmund kennt ihn. Er lautet: Der Vogel singt und nicht der Käfig! Es kommt darauf an, was in der Stadt los ist. Und das ist auch der wahre Skandal am Bahnhofsvorplatz. Da geht es letztlich nur um Euros und urbanes Makeup, wo es um das Stadtbild, die Stadterfahrung und das Stadtbewusstsein gehen müsste. Bonn will eben eine Beethovenstadt, aber keine „Musenstadt“ sein.

p.s.: Fast hätte ich ich die Telekom-Zentrale vergessen, eine heiße Anwärterin auf den neuen Kunstpreis für Bausünden, der, wie ungewöhnlich gut unterrichtete Kreise behaupten, demnächst von der Bundeskunsthalle erstmals ausgeschrieben wird (aber wahrscheinlich erst sich selbst verliehen wird).  Falls das doch noch scheitert, übernehme ich es ..   bp

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